Moment-Kategorie: Begegnungen

  • Aus einer Tasse Tee wurde ein ganzer Tag

    Aus einer Tasse Tee wurde ein ganzer Tag

    Es war ein Sonntagmorgen in Gaya, Bihar. Wir hatten keinen besonderen Plan und waren einfach zu Fuß unterwegs, durch eines der einfacheren Viertel der Stadt.

    Vor einem Hauseingang saßen zwei junge Männer. Als wir vorbeikamen, grüßten sie uns – und wie so oft in Indien dauerte es nicht lange, bis die üblichen Fragen kamen: Woher kommt ihr? Was macht ihr hier? Wie lange seid ihr schon in Indien?

    Aus ein paar Sätzen auf der Straße wurde ein Gespräch. Und aus dem Gespräch eine Einladung: Ob wir nicht auf eine Tasse Tee mit ins Haus kommen wollten.

    Warum eigentlich nicht?

    Drinnen saßen wir wenig später in einem kleinen, unscheinbaren Zimmer. Die Mutter eines der beiden bereitete Tee für uns zu, dazu wurden Kekse gereicht. Ein weiterer Freund kam vorbei, wir redeten, lachten – und aus dem kurzen Zwischenstopp wurde langsam ein längerer Besuch.

    Als wir uns schließlich verabschieden wollten, kam die nächste Frage: Was habt ihr heute Mittag noch vor?

    Eigentlich nichts. Wir wollten einfach weiter zu Fuß durch Gaya laufen und schauen, wohin uns der Tag bringen würde.

    Die Antwort darauf kam ziemlich spontan: Dann könnten wir doch gemeinsam einen Motorradausflug machen.

    Kurze Zeit später saßen wir tatsächlich auf drei Motorrädern und fuhren gemeinsam aus der Stadt hinaus.

    Unsere neuen Bekanntschaften zeigten uns die Landschaft rund um Gaya, brachten uns zu einem Tempel in den Bergen und nahmen uns schließlich noch zum Essen mit. Aus der Tasse Tee am Vormittag war längst ein gemeinsamer Ausflug geworden.

    Und irgendwie verging dabei der ganze Tag.

    Als es dunkel wurde, machten wir uns schließlich auf den Rückweg. Und damit bekam unser spontaner Motorradausflug noch einmal eine ganz eigene Dynamik.

    Wir waren zu sechst auf drei Motorrädern unterwegs, Erwin als Beifahrer auf dem einen, ich auf einem anderen. Inzwischen war es stockfinster. Wir waren noch weit draußen auf dem Land, Straßenlaternen gab es keine. Dafür Schlaglöcher, die man erst bemerkte, wenn man schon fast darin war, Hunde und Kühe auf der Straße und immer wieder Menschen am Straßenrand.

    Irgendwann fiel mir auf, dass an unserem Motorrad etwas Entscheidendes fehlte: Das Licht funktionierte nicht.

    Mein Fahrer schien das allerdings deutlich weniger problematisch zu finden als ich. Im Gegenteil – offenbar war er der Meinung, dass er schneller fahren konnte als die anderen und deshalb unbedingt vorneweg fahren musste.

    Als ich ihn schließlich auf das fehlende Licht aufmerksam machte, fand er eine ziemlich pragmatische Lösung: Er schaltete den Blinker ein.

    So hatten wir zumindest in regelmäßigen Abständen ein kleines gelbes Licht.

    Ich gebe zu: Selten habe ich mich so sehr darüber gefreut, irgendwann wieder die ersten Lichter einer Stadt zu sehen.

    Erst spät am Abend kamen wir wieder an unserem Hotel an.

    Am Morgen waren wir ohne Plan losgelaufen. Wir wollten eigentlich nur ein bisschen durch Gaya spazieren.

    Stattdessen bekamen wir Tee und Kekse, fuhren auf Motorrädern durch Bihar, besuchten einen Tempel, aßen gemeinsam, erlebten eine etwas abenteuerlichere Rückfahrt als erwartet – und hatten am Ende des Tages neue Freunde gewonnen.

    Manchmal sind es gerade die Tage ohne Plan, die am längsten in Erinnerung bleiben.

  • Die kürzeste Tuk-Tuk-Fahrt in Lucknow

    Die kürzeste Tuk-Tuk-Fahrt in Lucknow

    Eigentlich brauchten wir kein Tuk-Tuk. Unser Ziel, das Planetarium von Lucknow, war nur noch wenige hundert Meter entfernt und wir waren ohnehin zu Fuß unterwegs.

    Das sah ein junger Tuk-Tuk-Fahrer offenbar anders. Zusammen mit seinem kleinen Bruder fuhr er langsam neben uns her und fragte, ob er uns irgendwohin bringen könne. Wir bedankten uns und lehnten ab. Das Planetarium sei gleich da vorne, erklärten wir ihm. Kein Problem, meinte er – er würde uns hinbringen.

    Wir gingen weiter. Er fuhr weiter neben uns her. Wir lehnten noch einmal ab. Und noch einmal. Er blieb hartnäckig, dabei aber so freundlich und gut gelaunt, dass wir irgendwann alle über die Situation lachen mussten.

    Also fragte ich ihn schließlich etwas anderes: ob ich ein Porträt von ihm machen dürfe.

    Die Antwort kam sofort. Er hielt an, sprang aus seinem Tuk-Tuk und stellte sich zusammen mit seinem kleinen Bruder vor meine Kamera.

    Was die beiden nicht wussten: Auf unseren Indienreisen haben wir einen kleinen mobilen Fotodrucker dabei. Damit können wir unterwegs einige unserer Porträts direkt als kleine Sticker ausdrucken und den Menschen schenken, die wir fotografieren.

    Wenig später hielten die beiden ihr gemeinsames Foto in den Händen. Die Freude darüber war riesig – und der Sticker bekam sofort einen Ehrenplatz innen an der Windschutzscheibe des Tuk-Tuks.

    Damit war offenbar auch unsere Diskussion über die letzten paar hundert Meter beendet. Die beiden bestanden nun darauf, uns zum Planetarium zu fahren. Bezahlen sollten wir dafür nichts.

    Auf dem kurzen Weg kamen wir noch am Obststand ihrer Eltern vorbei. Natürlich mussten wir dort kurz langsamer werden und hinüberwinken. Wenig später verabschiedeten wir uns vor dem Planetarium voneinander.

    Unsere hartnäckige Ablehnung einer Tuk-Tuk-Fahrt hatte uns am Ende also doch genau diese Fahrt beschert – und vor allem eine dieser kleinen Begegnungen, wegen denen wir so gerne durch Indien reisen.

    Nur mit dem Planetarium hatten wir weniger Glück.

    Es wurde gerade renoviert und war geschlossen.